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Von |2019-05-01T18:24:57+00:001. Mai 2019|, , , |

WILD AT HAT by Patricia Adler | Tragbare Kunst

Die Wirkung von Hüten fasziniert. Oft nicht nur den TrägerIN, sondern auch den BetrachterIN. Bei der Kunst verhält es sich ähnlich, nur dass sie meist an der Wand hängt oder einen Raum einnimmt. In Bremen schafft Patricia Adler tragbare Kunst in Form von Hüten und Headpieces.

„Jeder Hut muss tragbar sein, aber nicht zwingend durch einen Türrahmen passen“,

lautet eine ihrer Aussagen und es wird klar, dass ihre Hüte mehr sind. Sie löst mit ihren Arbeiten die Grenzen zwischen einem kommerziellen Accessoire und einem zu betrachtenden Kunstwerk auf, indem sie mit Hilfe von fremden Materialien tragbare Kunst kreiert. HWnow sprach mit der – wie soll man sie wohl nennen – Hutdesignerin oder doch eher Headwear-Künstlerin über ihren Werdegang, Alltag und natürlich ihre Werke.

Warum sind Sie Hutdesignerin geworden? Ist dies Ihr Traumberuf und was ist das Besondere daran?

Diesem Beruf kann man nur mit Herzblut nachgehen. Ich komme ursprünglich aus dem technischen Produktdesign. Als ich in Bremen begonnen habe integriertes Design zu studieren war meine Leidenschaft für Modedesign schnell geweckt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin im ersten Semester mehr oder weniger reingestolpert und fand mich täglich am Zuschneidetisch oder an der Nähmaschine wieder. Ich habe mich wohl gefühlt, es war alles irgendwie selbstverständlich. Dort habe ich auch meine Liebe zu Hüten entdeckt. Sie fordern einen heraus, es gibt schlicht keine Grenzen solange der Hut bzw. der Kopfschmuck gut sitzt. Diese Freiheit nutze ich für meine Arbeit und meine Erfahrungen als technische Produktdesignerin haben mir dabei stets geholfen. Ich habe bisher mit Materialien wie Porzellan, Glasfaser und alten Instrumententeilen gearbeitet, immer in Verbindung mit traditionellen Materialien aus der Hutmacherei und dem Schneiderhandwerk. Es wird nie langweilig als Hutdesignerin!

Wie war ihr Werdegang bis Sie entschieden haben, Hüte zu kreieren wie Sie sie heute machen?

Nach meinem Schulabschluss habe ich eine Ausbildung in einem Versicherungsbüro gemacht. Mir war bereits am 3. Tag klar, dass ich dort nicht wirklich hin gehöre. Anschließend entschied ich mich mein Fachabitur nachzuholen und einen Abschluss als staatl. gepr. Betriebswirtin im Marketing zu realisieren. Mein konkretes Ziel: Das Designstudium. Die verschiedenen Praktika, die ich absolvierte, unter anderem in einer Schreinerei, im Metallbau, in der Malerei und dem Automobil-Modellbau sollten sich als Vorteil für meine Zukunft erweisen. 2005 habe ich angefangen Integriertes Produktdesign in Coburg zu studieren. Aus persönlichen Gründen musste ich das Studium leider nach nur 2 Semestern abbrechen. Aber von meinem Traum Designerin zu werden, habe ich mich nicht verabschiedet. Zurück in meiner Heimatstadt habe ich eine Ausbildung zur technischen Produktdesigner absolviert und mich danach erneut auf ein Designstudium beworben. Dadurch bin ich nach Bremen gekommen und habe dort meinen Bachelor- und meinen Masterabschluss in Integriertes Design gemacht und mich aufs Hutdesign spezialisiert. Diesen Schwerpunkt gibt es eigentlich nicht in Deutschland, leider, allerdings haben mich meine ProfessorINNEN im Fachbereich der Mode und meine WerkstattleiterINNEN in meiner Entwicklung stets unterstützt und gefördert.

Ihre Hüte sind für mich eine Art tragbare Kunst, oder wie sehen Sie das?

Das kann man so sagen: Ich sehe meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen skulpturaler Kunst und Design. Das verdanke ich zum einem meinem Malereilehrer, Milivoje Unkovic, aus der Zeit vor meinem Studium, aber den größten Anteil trägt die Hochschule der Künste in Bremen. Das Studium Integriertes Design ist geprägt von der Freien Kunst und den Digitalen Medien, die ebenfalls dem gleichen Fachbereich angehören. Das Designstudium ist interdisziplinär ausgerichtet. Es ist sehr breit gefächert, was Einflüsse und Möglichkeiten angeht. Für mich war das der Jackpot, denn das hieß, dass mir alle Werkstätten offen standen. Die meiste Zeit habe ich wohl in den Modewerkstätten, im Holzbau und der Keramik verbracht. Dabei kam mir mein handwerklicher und technischer Hintergrund immer wieder zugute. Ob es darum ging technische Zeichnungen anzufertigen, Schnitte in CAD zu konstruieren oder meine Hutformen zu drechseln, ich fand mich schnell zurecht und konnte dadurch meine Entwürfe stets in die Tat umsetzten. Egal wie abwegig sie vielleicht zu Beginn gewirkt haben mögen.

Sie verwenden untypische Materialien, die mit dem klassischen „Hutmachen“ wenig zutun haben. Was sind das für Materialien und warum gerade diese?

Ich stelle mich gerne neuen, gestalterischen Herausforderungen. Sie bringen mich dazu in anderen Strukturen zu denken und meine Arbeitsweisen weiter auszubauen. Ich liebe klassische Hutmacher-Materialien, sie finden in jeder meiner Kollektionen statt, ohne diese geht es nicht. Allerdings sind sie bei meinen Arbeiten oft im Hintergrund „tätig“. Natürlich kosten neue Materialien auch Zeit bis man sie beherrscht und Rückschläge sind dabei oft unumgänglich, aber ich sehe sie eher als lehrreich an und beiße mich durch.

Warum ausschließlich klassische Materialien nutzen, wenn man sich doch im Bootsbau bedienen kann. Warum ein so schönes und fragiles Material wie Porzellan ignorieren, wenn man daraus doch Hüte machen kann. Ich nutze die Eigenschaften der Materialien, um meine Ideen und die damit verbundenen Emotionen in meinen Entwürfen zum Ausdruck zu bringen. Dabei genügen mir Filz und Seide manchmal einfach nicht.

Was hat es mit der Kollektion „Drumhats“ auf sich?

Eine Dozentin hat mir das Buch „Briefe an einen jungen Dichter“ empfohlen. Sie sagte, dass sie immer daran denkt, was Rainer Maria Rilke dem jungen Dichter geraten hat, wenn sie einmal gestalterisch feststeckt. Ich las dieses Buch und folgte dem Rat. Man kann nur wirklich gut in etwas werden, wenn man es aus seinem tiefsten Innersten heraus tut.

Eine meiner großen Lieben im Leben ist die Musik. Ich bin aufgewachsen mit Bands wie Rolling Stones, Motörhead und Black Sabbath. Da kommt man am Schlagzeug nicht vorbei. Die Upcycling-Kollektion DRUMHATS ist das impulsive Resultat aus meiner Kombination von Hutdesign und Musik.

Was bedeutet und beschreibt die Kollektion „Creatures“?

Da sind wir wieder bei der Kunst. Die Faszination für die Werke von Francis Bacon begleitet mich schon lange. Sein Triptychon „three studies for figures at the base of a crucifiixion“ ist für mich ein hoch emotionales Kunstwerk, das mich immer wieder packt. In einem Illustrationskurs, während meines Studiums, konnte ich mich intentiv mit dem Triptychon auseinandersetzen. Die Figuren entwickelten sich für mich zu Empfindungen und zum Thema meiner bevorstehenden Masterarbeit: Die Verwandlung von intensiven Impressionen in eine skulpturale Hutkollektion.

Das Material, dass die wegführenden aber auch widersprüchlichen Attribute dieser Figuren wie rauh, glatt, schwer, fragil, hart und zerbrechlich am besten verkörperte war für mich zweifelsfrei Porzellan. Die Entwicklung dieser großformatigen Hüte, vom ersten Entwurf über den Formenbau bis hin zu den tragbaren Skulpturen, mit einem so sensiblen Material wie Porzellan, war für mich nicht nur zeitlich sondern auch körperlich meine bisher größte Herausforderung als Designerin. Der Entwicklungsprozess forderte ständige Anpassungen meiner Arbeitsweise an das anspruchsvolle Material. Das eigene Wachsen meiner Vision formten diese Arbeit ebenso stark wie Francis Bacon selbst. Ich wünschte Mr. Bacon hätte sie sehen können. Ob er seine Arbeit wohl darin wiedererkennen würde?

Lassen Sie gesellschaftliche oder politische Weltgeschehen in Ihre Arbeit einfließen? Wenn ja, was beschäftigt Sie aktuell?

Ich denke, dass wir alle in der gesellschaftlichen Pflicht stehen, uns den ökologischen und sozialen Problemen anzunehmen, die wir als Menschen verursachen bzw. verursacht haben.

Deshalb habe ich mich bewusst entschieden, gebrauchte Materialien in meine Arbeit fest zu integrieren. In jeder Kollektion arbeite ich mit Upcycling-Materialien. Manche Kollektionen wie z.B. die DRUMHATS bestehen komplett aus wiederverwerteten Materialien.

Darüber hinaus gibt es bei mir keine geschlechterspezifische Trennung in Damen- oder Herrenmode. Mir ist es wichtig, dass jeder das trägt wozu er Lust hat und sich das nicht von der Gesellschaft vorschreiben lässt. Manchmal fragen mich KundINNEN, ob ein bestimmter Hut ein Damenmodell ist? Meine Antwort darauf lautet stets, dass es ein Modell für jeden ist, der daran Spaß hat.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite an meiner Kollection „CUT“. Sie soll die Grenzen des Umgangs mit Hüten auf den Kopf stellen. Meistens werden Hüte wie rohe Eier behandelt. Zu recht. Teure Materialien, alles in Handarbeit hergestellt, all das will gut geschützt in seiner Hutschachtel liegen, wenn es gerade nicht getragen wird. Aber ich will ein Tabu aufbrechen, nämlich, dass man selber nicht Hand anlegt an seinen Hut. Meine neue Kollektion ist Haar und Hut zugleich, man kann den Hut frisieren, die Schere schwingen und ihm einen neue „Haarschnitt“ verpassen – je nach Mut und Laune. Dazu gibt es ein Friseurset mit Haarbändern, Spangen und einer Haarschere als kleine Animation. Ich bin gespannt, was meine KundINNEN daraus machen werden.

Wer sind Ihre Kunden und zu welchem Anlass können Ihre Hüte getragen werden?

Ganz unterschiedliche Menschen: Von KünstlerINNEN und ExzentrikerINNEN über Theaterhäuser bis hin zum BesucherINNEN einer Hochzeit oder anderen festlichen Anlässen. Alle sind willkommen, eine Hut zu tragen. Zu meinem Glück sind meine Kunden bunt gemischt.

Kann man von der künstlerischen Art Hüte zu gestalten in Deutschland gut leben?

Bisher, leider nein. Ich habe einen Teilzeitjob neben meiner Arbeit im Atelier. Das Geschäft mit dem Hut ist eben kein Alltagsgeschäft. Man muss Durchhaltevermögen mitbringen und Zeit investieren, um dauerhaft Fuß zu fassen, aber ich bleibe dran.

Was glauben Sie, warum tragen in Deutschland eher wenige Menschen Hüte?

Schwer zu sagen. Hier in Norddeutschland spielt mit Sicherheit das Wetter eine Rolle. Oft höre ich auch „ich habe kein Hutgesicht“. So ein Quatsch. Jeder hat ein Hutgesicht, man braucht nur den richtigen Hut. Ich glaube Menschen sind Gewohnheitstiere, ihnen fehlt schlicht weg die Gewohnheit, Hüte zu tragen. Ich mache die Erfahrung, dass viele sich hin und her gerissen fühlen, wenn sie das erste Mal mit einem Hut losziehen, aber wenn man sie wieder trifft, strahlen sie und sagen, dass sie nur Komplimente für ihren Hut bekommen. Bei den Meisten bleibt es dann nicht lange nur bei diesem Einen. Die Menschen müssen sich einfach trauen das Erlebnis Hut passieren zu lassen und dann entdecken sie von ganz alleine wie viel Spaß das macht.

Vielen herzlichen Dank, Patricia, für das Interview.

WILD AT HAT by Patricia Adler

Alle Bilder von Patricia Adler, fotografiert von Urs Siedentop 

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